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Bedürfnis nach Bindung


(2) Implikationen für die betriebliche Praxis

Was bedeuten diese Überlegungen  für die betriebliche Praxis?

In der Studie von Horowitz et al. wurde deutlich, dass in der „normalen“ Population (in Abgrenzung von kli­nisch auffälligen Menschen) sich folgende Verteilung der Bindungsstile ergaben.

  • Sicherer Bindungsstil: 47%
  • Anklammernder Bindungsstil: 14%  
  • Ängstlich-vermeidender Bindungsstil: 21%
  • Abweisender Bindungsstil: 18%

Damit aber weisen 53 Prozent der Bevölkerung Bindungsstile auf, die der Gesundheit und der Leistungsfähig­keit abträglich sind.

Betrachtet man den Zeitpunkt der Veröffentlichung, dann lässt sich vermuten, dass sich diese Entwicklung wei­ter in Richtung „mangelnde Sicherheit“ fortbewegt hat. Durch Globalisierung, zunehmende Arbeitsanforde­rungen und Belastungen wie auch die Zunahme individualistischer Verhaltensstile ist es sicherlich nicht falsch, folgende Vermutung aufzustellen: Westliche Industrieländer lassen sich dadurch charakterisieren, dass das Bin­dungsbedürfnis zugunsten der Autonomie- und Selbstwertbedürfnisse geopfert wird – der Preis dafür, den hoch gesteckten Leistungsidealen nachkommen zu können: Die Beziehungsebene wird vernachlässigt – im Privaten wie auch im Beruflichen:

  • Nur 47% der Normalbevölkerung haben einen sicheren Bindungsstil.
  • Hohe Scheidungsquoten – das Sicherheitsgefühl auf Basis einer lang andauernden und verlässlichen Be­ziehung ist ein rares Gut geworden.
  • Eine Vielzahl von Problemfeldern in den Unternehmen haben mit dem Thema „Bindung“ bzw. „Bezie­hung“ zu tun. Es verwundert nicht, dass seit den achtziger Jahren einerseits „soft facts“ Hochkonjunk­tur in der Managementberatung bzw. –literatur haben, andererseits die betriebliche Praxis nach wie vor hinter den Anforderungen hinterherhinkt. Die Konsequenzen, wie sie u.a. im Kontext von Studien wie der Gallup-Studie, Great Place to Work usw. diskutiert werden, sind weithin bekannt.

Damit aber entsteht ein Teufelskreis: Individualismus und Leistungsstreben führen zum einen zu Defiziten bei der Befriedigung des Bindungsbedürfnisses, zum anderen führt gerade diese unbewusste, aber dennoch systemati­sche Vernachlässigung dieses Bedürfnisses zu einem Erleben von Unsicherheit, was wiederum durch ein erhöh­tes Autonomie- und Leistungsstreben kompensiert wird.

Quellen: Horowitz et al. (1993)

Anm.: Leistungsmotivation ist kein Grundbedürfnis. In der individuellen Entwicklungsgeschichte tritt es meist erst im frühen Schulkindesalter auf. Es lässt sich als Auseinandersetzung – und Akzeptanz – eines gesellschaftlich vermittelten Leistungsmaßstabs auffassen, das der Befriedigung des Bedürfnisses nach Autonomie und/oder dem der Selbstwerterhöhung dient.

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