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Das Bedürfnis nach Kontrolle und Orientierung


(2) Implikationen für die betriebliche Praxis

Es lassen sich hier zwei verschiedene Perspektiven unterscheiden:

(a) Folgen kontrollierbarer Inkongruenz:

  • Stress, den man glaubt, bewältigen bzw. kontrollieren zu können, wird nicht als Bedrohung, son­dern als Herausforderung empfunden.
  • Kurzfristiger Stress führt über das sympathische Nervensystem (absteigende Bahnen) zu Ausschüt­tung von Noradrenalin (unspezifische Erregung); die adrenerge Stimulierung macht den Organis­mus leistungsfähiger und das Gehirn lernfähiger: Es können leichter neue Verbindungen ge­bahnt und damit neue Netzwerke aufgebaut werden; letztere helfen, die Situation in Zukunft zu bewältigen.
  • Bei anhaltendem Stress kommt es zur Aktivierung der Hypothalamus- Hypophysen-Nebennieren­rinden-Achse und damit zu einer erhöhten Kortisolausschüttung, die auf die Dauer zu mehreren Beeinträchtigungen führt.

 

(b) Folgen unkontrollierbarer Inkongruenz:

  • Bei unkontrollierbarem Stress (z.B. Mobbing, Überlastung) wird die negative Rückkopplungs­schleife der HPA-Achse durchbrochen (eskalierende Dysregulation). Der Gluckortikoidspiegel nimmt weiter zu und führt u.a. zu Schädigungen am Hippocampus (Angriff der Glutamatrezep­toren) und dem Kortex, wodurch bereits erworbene Verhaltensweisen wieder gelöscht werden können.
  • Verstärkt werden Verhaltensweisen, die die Inkongruenz herabregulieren (Dissoziationen, sozialer Rück­zug etc.); gelernt wird v.a. der durch den Stressor ausgelöste Zustand, nämlich Angst (letztere ist dabei umso größer, je höher die Relevanz der Situation und je geringer die wahrgenommene Kontrolle).
  • Aktivierung des „Behavior Inhibition Systems“ (BIS), das v.a. im ventromedialen und dorsolatera­len Teil des rechten PFC (Vermeidung) lokalisiert ist und der Vorbereitung von Flucht- oder Angriffs­verhalten dient (= antizipatorische Angst).

 Fazit:

  • Hohe Kontrollerwartungen erfüllen eine protektive Funktion und sind damit wichtiger Bestandteil der psychischen Gesundheit.
  • Sie gehen einher mit mehr Selbstvertrauen, höherer Lebenszufriedenheit, stärkerem Wohlbefinden, hö­herer Stressresistenz und höherer Leistungsfähigkeit.
  • Darüber hinaus führen sie zu mehr positiven Lebenserfahrungen.
  • Solange Inkongruenz kontrollierbar und zeitlich begrenzt bleibt, ist sie positiv zu werten: Sie ist gewissermaßen der Motor der psychischen Entwicklung.

 

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