Was sind Neuromythen?
Den Begriff machte die OECD bekannt, die 2002 im Projekt „Brain and Learning“ vor Missverständnissen über die Hirnforschung in Schule und Weiterbildung warnte. Neuromythen haben oft einen wahren Kern: Ein Befund aus dem Labor wird vereinfacht, verallgemeinert und schließlich als Tatsache weitererzählt.
Wie verbreitet sie sind, zeigte eine Studie von Sanne Dekker und Kollegen aus dem Jahr 2012. Sie befragten 242 Lehrkräfte in Großbritannien und den Niederlanden, die sich für Hirnforschung interessierten. Im Schnitt hielten die Teilnehmenden 49 Prozent der vorgelegten Mythen für wahr. Bemerkenswert: Wer mehr allgemeines Wissen über das Gehirn hatte, glaubte nicht weniger an Mythen.
8 Neuromythen im Faktencheck
| Aussage | Bewertung | Was stimmt |
|---|---|---|
| Wir nutzen nur 10 Prozent unseres Gehirns. | falsch | Im Lauf eines Tages sind praktisch alle Hirnregionen aktiv. Schon kleine Schäden haben spürbare Folgen. |
| Es gibt Linkshirn- und Rechtshirn-Menschen. | falsch | Einzelne Funktionen wie Sprache sind ungleich verteilt. Eine Auswertung von über 1.000 Hirnscans fand aber keine Menschen, die insgesamt eine Hälfte stärker nutzen. |
| Man lernt besser im eigenen Lerntyp. | nicht belegt | Ein Überblick über die Forschung fand keine ausreichenden Belege dafür, Unterricht nach Lerntypen auszurichten. |
| Multitasking macht produktiver. | falsch | Beim Wechsel zwischen Aufgaben entstehen Umschaltkosten. Man wird langsamer und macht mehr Fehler. |
| Dopamin ist das Glückshormon. | verkürzt | Dopamin spielt vor allem beim Lernen aus Belohnungen eine Rolle, besonders wenn etwas besser ausfällt als erwartet. |
| Ein Hirnscan beweist, dass eine Methode wirkt. | falsch | Aktivität in einer Region zeigt, dass dort etwas passiert, nicht, dass eine Methode im Alltag besser wirkt. |
| Bewegungsübungen verbinden die Hirnhälften und steigern das Lernen. | nicht belegt | Bewegung tut gut. Die behauptete Wirkung auf die Zusammenarbeit der Hirnhälften ist aber nicht nachgewiesen. |
| Männer- und Frauengehirne funktionieren grundsätzlich verschieden. | verkürzt | Es gibt durchschnittliche Unterschiede bei großer Überschneidung. Vom Geschlecht auf ein einzelnes Gehirn zu schließen, ist nicht möglich. |
Warum Neuromythen so hartnäckig sind
Der Bildungsforscher Paul Howard-Jones hat mehrere Gründe beschrieben. Neuromythen sind einfach, passen zu dem, was Menschen ohnehin glauben, und klingen durch den Bezug auf das Gehirn wissenschaftlich. Hinzu kommt ein Markt: Trainings, Tests und Programme lassen sich mit „gehirngerecht“ oder „neurobasiert“ besser verkaufen.
Für Neuroleadership ist das ein besonderes Risiko. Viele Modelle verbinden echte Befunde mit plausiblen, aber ungeprüften Schlussfolgerungen. Das ist nicht unseriös, solange es offen gesagt wird. Problematisch wird es, wenn ein Modell als Beweis aus der Hirnforschung verkauft wird.
Neuromythen in Führung und Weiterbildung
In Führungstrainings begegnen Ihnen vor allem diese Varianten:
- Persönlichkeitstypen „aus dem Gehirn“: Tests, die Menschen in Hirntypen oder Hirnfarben einteilen, berufen sich oft auf die Linkshirn-Rechtshirn-Idee.
- „Die Amygdala übernimmt“: Als Bild für Stressreaktionen nützlich, als Erklärung für jedes Konfliktverhalten zu grob. Die Amygdala ist an vielen Prozessen beteiligt, nicht nur an Angst.
- Hirnbilder als Beleg: Bunte Aufnahmen auf Folien wirken überzeugend, sagen aber selten etwas über die Wirksamkeit einer Führungsmethode.
- Zahlen ohne Quelle: „Das Gehirn verarbeitet Bilder 60.000-mal schneller als Text“ ist ein Beispiel für eine Zahl, die häufig zitiert, aber nicht durch eine Studie belegt ist.
So erkennen Sie seriöse Angebote
- Quellen nennen: Seriöse Anbieter nennen Studien oder Fachbücher, auf die sich ihre Aussagen stützen.
- Befund und Folgerung trennen: „Studien zeigen X, wir leiten daraus Y ab“ ist ehrlicher als „Das Gehirn will Y“.
- Grenzen benennen: Wer nie sagt, was ein Modell nicht kann, verkauft eher, als dass er informiert.
- Vorsicht bei Typen: Einteilungen in feste Hirntypen sind fast immer ein Warnsignal.
- Nach Wirkung fragen: Gibt es Belege, dass das Training das Verhalten von Führungskräften verändert, nicht nur, dass es den Teilnehmenden gefällt?
Einen Überblick, was im Neuroleadership belegt ist, finden Sie auf unserer Startseite unter Studienlage. Wie wir selbst mit Quellen umgehen, steht unter Über uns.
Neuromythen-Quiz zum Herunterladen
Das Quiz enthält zwölf Aussagen zum Ankreuzen und eine Auflösung mit Erklärung und Quellen. Es eignet sich als Einstieg in Workshops: erst allein ankreuzen, dann gemeinsam auflösen.
Fazit
Neuromythen sind keine Randerscheinung, sondern weit verbreitet, gerade bei Menschen, die sich für das Gehirn interessieren. Wer Hirnforschung für Führung nutzen will, sollte deshalb doppelt prüfen: Stammt eine Aussage aus einer Studie, und trägt die Studie die Schlussfolgerung, die daraus gezogen wird?
Häufige Fragen
Was sind Neuromythen?
Neuromythen sind falsche oder stark verkürzte Aussagen über das Gehirn, die sich auf Hirnforschung berufen, aber nicht von ihr gedeckt sind, etwa der 10-Prozent-Mythos oder die Einteilung in Linkshirn- und Rechtshirn-Menschen.
Stimmt es, dass wir nur 10 Prozent unseres Gehirns nutzen?
Nein. Im Lauf eines Tages sind praktisch alle Hirnregionen aktiv, und schon kleine Schäden haben spürbare Folgen.
Gibt es Lerntypen?
Menschen haben Vorlieben, wie sie lernen. Dass sie aber besser lernen, wenn der Unterricht ihrem Lerntyp entspricht, ist nach einem Forschungsüberblick von Pashler und Kollegen (2008) nicht ausreichend belegt.
Wie verbreitet sind Neuromythen?
In einer Studie von Dekker und Kollegen (2012) hielten Lehrkräfte im Schnitt 49 Prozent der vorgelegten Neuromythen für wahr.
Woran erkenne ich unseriöse Neuro-Trainings?
An fehlenden Quellen, festen Hirntypen, Hirnbildern als vermeintlichem Wirksamkeitsbeleg und daran, dass Grenzen des Modells nie genannt werden.
Quellen und Belege
- Dekker, S.; Lee, N. C.; Howard-Jones, P.; Jolles, J. (2012): Neuromyths in Education: Prevalence and Predictors of Misconceptions among Teachers. Frontiers in Psychology, 3, 429. – doi.org
- Howard-Jones, P. A. (2014): Neuroscience and education: myths and messages. Nature Reviews Neuroscience, 15, 817–824. – doi.org
- Pashler, H.; McDaniel, M.; Rohrer, D.; Bjork, R. (2008): Learning Styles: Concepts and Evidence. Psychological Science in the Public Interest, 9(3), 105–119. – doi.org
- Nielsen, J. A.; Zielinski, B. A.; Ferguson, M. A.; Lainhart, J. E.; Anderson, J. S. (2013): An Evaluation of the Left-Brain vs. Right-Brain Hypothesis with Resting State Functional Connectivity Magnetic Resonance Imaging. PLoS ONE, 8(8), e71275. – doi.org
- OECD (2002): Understanding the Brain: Towards a New Learning Science. Paris: OECD Publishing.