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07. Weiterbildungs- & Anbieter-Verzeichnis (DE / AT / CH)
Neutraler Überblick über Hochschulzertifikate, CAS-Lehrgänge in der Schweiz, Neurocoaching-Ausbildungen und Inhouse-Trainings. Grundeintrag kostenlos, Sortierung nie nach Bezahlung.
Führung findet nicht nur in Organigrammen statt, sondern auch in den Köpfen der Beteiligten. Neuroleadership setzt genau hier an: Der Ansatz nutzt Befunde aus Neurowissenschaften und Psychologie, um zu erklären, warum Menschen auf Lob, Kritik, Veränderungen oder unklare Ziele so reagieren, wie sie reagieren.
Daraus werden Empfehlungen für Führungskräfte abgeleitet, etwa für Feedbackgespräche, für die Begleitung von Veränderungen oder für Entscheidungen unter Druck. Neuroleadership ist damit kein eigener Führungsstil, sondern ein Blickwinkel auf Führung, der bekannte Führungsansätze ergänzt.
Woher kommt der Begriff?
Den Begriff hat der Berater David Rock Mitte der 2000er-Jahre geprägt. Bekannt wurde er unter anderem durch den Artikel „The Neuroscience of Leadership“, den Rock 2006 gemeinsam mit dem Psychiater Jeffrey Schwartz veröffentlichte. Rock gründete später das NeuroLeadership Institute mit, das Forschung, Weiterbildungen und Konferenzen zum Thema anbietet.
Im deutschsprachigen Raum erschienen ab 2008 mehrere Fachbücher, unter anderem von dem Bonner Hirnforscher Christian E. Elger, von Theo Peters und Argang Ghadiri sowie der von Rüdiger Reinhardt herausgegebene Band mit eigener empirischer Studie (2014).
Modelle
Die bekanntesten Modelle
Das SCARF-Modell nach David Rock
Das SCARF-Modell wurde 2008 von David Rock vorgestellt. Es beschreibt fünf soziale Bereiche, in denen Menschen Situationen als Bedrohung oder als Belohnung erleben. Die Annahme dahinter: Soziale Bedrohungen lösen ähnliche Abwehrreaktionen aus wie körperliche Gefahren, und wer sich bedroht fühlt, denkt weniger klar und arbeitet schlechter zusammen.
Bereich
Worum es geht
Beispiel aus dem Führungsalltag
Status
die eigene Stellung im Vergleich zu anderen
Kritik vor dem ganzen Team wird als Statusverlust erlebt.
Gewissheit
Vorhersehbarkeit der Zukunft
Unklare Umstrukturierungen erzeugen Unruhe.
Autonomie
Gefühl, selbst Einfluss zu haben
Mikromanagement nimmt Handlungsspielraum.
Verbundenheit
Zugehörigkeit zur Gruppe
Neue im Team, die nicht eingebunden werden.
Fairness
als gerecht empfundener Austausch
Undurchsichtige Beförderungen oder Bonusregeln.
Die Anfangsbuchstaben der englischen Begriffe Status, Certainty, Autonomy, Relatedness und Fairness ergeben den Namen des Modells. Ausführlich mit Beispielen und Studienlage: SCARF-Modell einfach erklärt.
Die Konsistenztheorie nach Klaus Grawe
Der Psychotherapieforscher Klaus Grawe beschrieb vier psychologische Grundbedürfnisse: Bindung, Orientierung und Kontrolle, Lustgewinn und Unlustvermeidung sowie Selbstwerterhöhung. Werden diese Bedürfnisse dauerhaft verletzt, leidet nach seinem Modell das seelische Gleichgewicht. Im Neuroleadership wird die Theorie genutzt, um zu fragen, welche dieser Bedürfnisse Führung stärkt oder verletzt. Ausführlich, mit Bedürfnis-Check als PDF: Konsistenztheorie nach Grawe.
Studienlage
Was ist belegt – und was nicht?
Neuroleadership klingt nach harter Naturwissenschaft. Die Datenlage ist jedoch gemischt, und es lohnt sich, zwischen drei Ebenen zu unterscheiden:
Befunde der Hirnforschung, zum Beispiel zu Stressreaktionen oder zum Belohnungssystem. Sie stammen meist aus Laborstudien mit wenigen Teilnehmenden und einfachen Aufgaben.
Modelle wie SCARF, die diese Befunde für den Arbeitsalltag zusammenfassen. Sie sind plausibel, wurden aber für Führungssituationen nur selten direkt geprüft.
Empfehlungen für Führungskräfte, die aus den Modellen abgeleitet werden. Viele davon decken sich mit dem, was die Führungs- und Organisationspsychologie seit Jahrzehnten empfiehlt.
Eine der wenigen deutschsprachigen empirischen Arbeiten ist der Band von Rüdiger Reinhardt (2014). Darin wurden die Vorhersagen des SCARF-Modells und der Konsistenztheorie in einer Fragebogenstudie mit mehr als 900 Berufstätigen untersucht, mit Blick darauf, ob sich Leistung und Gesundheit fördern lassen.
Kritische Stimmen warnen davor, Befunde aus dem Hirnscanner vorschnell auf komplexe Führungssituationen zu übertragen. Ein Fachbeitrag im Healthcare Management Forum (2018) beschreibt die Themen des jungen Fachgebiets und zugleich die Risiken einer zu optimistischen Anwendung. Gernot Schiefer und Ramona Gattner haben die Grundannahmen des Neuroleadership 2018 ebenfalls kritisch analysiert.
Vorsicht bei Neuromythen. Aussagen wie „Wir nutzen nur 10 Prozent unseres Gehirns“ oder die Einteilung in „Linkshirn-“ und „Rechtshirn-Typen“ sind wissenschaftlich widerlegt. Seriöse Neuroleadership-Angebote kommen ohne sie aus. Mehr im Faktencheck zu acht Neuromythen.
Verwandt und gut untersucht: psychologische Sicherheit
Eng verwandt mit den Ideen des Neuroleadership ist das Konzept der psychologischen Sicherheit. Es stammt nicht aus der Hirnforschung, sondern aus der Organisationspsychologie: Amy Edmondson zeigte 1999, dass Teams mehr aus Fehlern lernen, wenn ihre Mitglieder sich trauen, Fragen zu stellen, Fehler anzusprechen und zu widersprechen. Mehr dazu, mit Selbsttest und Studienlage: Psychologische Sicherheit im Team.
Praxis
Was das für Führungskräfte heißt
Unabhängig davon, wie man die Hirnforschung bewertet, lassen sich aus den Modellen einige Grundsätze ableiten, die auch die Führungsforschung stützt:
Unsicherheit verringern: Veränderungen früh und ehrlich erklären, auch wenn noch nicht alles feststeht.
Kritik unter vier Augen: Rückmeldungen zur Sache geben, nicht vor der Gruppe und nicht zur Person.
Spielräume lassen: Ziele vorgeben, den Weg dorthin möglichst dem Team überlassen.
Zugehörigkeit stärken: neue Teammitglieder aktiv einbinden, Beiträge sichtbar machen.
Entscheidungen nachvollziehbar machen: Regeln für Aufgaben, Beförderungen und Boni offenlegen.
Eine Auswahl zum Einstieg, zur Vertiefung und zur kritischen Einordnung. Die Einordnungen stammen von uns; Preise und Lieferbarkeit sehen Sie bei Amazon.
Ursprung dieser Domain
Neuroleadership: Empirische Überprüfung und Nutzenpotenziale für die Praxis
Rüdiger Reinhardt (Hrsg.) · De Gruyter Oldenbourg, 2014
Prüft zwei bekannte Ansätze, das SCARF-Modell und die Konsistenztheorie nach Grawe, mit einer Fragebogenstudie unter mehr als 900 Berufstätigen. Eines der wenigen deutschsprachigen Bücher, das Neuroleadership empirisch untersucht statt nur zu erklären.
Sammelband aus dem Umfeld des NeuroLeadership Institute, unter anderem zum SCARF-Modell. Für Leserinnen und Leser, die die Ursprungsquellen kennen wollen.
Rock, D.; Schwartz, J. (2006): The Neuroscience of Leadership. strategy+business.
Rock, D. (2008): SCARF: a brain-based model for collaborating with and influencing others. NeuroLeadership Journal, 1.
Grawe, K. (2004): Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe.
Edmondson, A. (1999): Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383.
Reinhardt, R. (Hrsg.) (2014): Neuroleadership. Empirische Überprüfung und Nutzenpotenziale für die Praxis. München: De Gruyter Oldenbourg.
Schiefer, G.; Gattner, R. (2018): Neuroleadership – die Grundannahmen in kritischer Analyse. Wiesbaden: Springer.
Neuroleadership: Themes and limitations of an emerging interdisciplinary field. Healthcare Management Forum, 31(3), 103–107 (2018). DOI: 10.1177/0840470417747004
Diese Domain war früher die Begleitseite zum Buch „Neuroleadership – Empirische Überprüfung und Nutzenpotenziale für die Praxis“. Heute betreibt Maik Möhring Media hier ein unabhängiges Informationsangebot. Es besteht keine Verbindung zu den Autorinnen und Autoren, zum Verlag oder zum NeuroLeadership Institute. Mehr dazu unter Über uns.